Astrid Schmeda

WiR zwischen HiMMeL und ERdE

Wildwuchs  

     Die Malven standen in diesem Jahr groß und zierlich, als hätten sie den Tannen nacheifern wollen, von denen sie zeitweise überschattet wurden. Dünne Stengel, die ohne Hilfe von der ersten Bö umgeknickt würden, und auch die Farben so zart, als hätten sie zu viel Anstrengung ins Wachsen vergeudet. Letztes Jahr dagegen waren sie niedrig geblieben und hatten gar geblüht. Der Waldmeister hatte sich unmäßig über das Beet ausgebreiteten, wucherte unter den Malven und sogar bis zu der größten Mohnstauden, die dieses Frühjahr so üppig geblüht hatten, kurz nur und in einem so kräftig Rot, daß man es von der Straße schon sehen konnte, denn plötzlich waren die riesigen Blütenblätter auseinander gefallen, als seien sie müde nach einer überschwänglichen Nacht, und nun standen nur noch die grünen Dolden, die im Wind leicht klapperten und die Laura bewahren würde zur Aussaat im nächsten Frühjahr.

    Zwischen den Lupinen versteckten es sich einige Brennnesseln, Laura setzte die Handschuhe auf. Immer wuchs das Unkraut inmitten der Blumen, die ihm am ähnlichsten waren, um sich unkenntlich zu machen, aber Laura kam ihm auf die Spur. Sie packte mit beiden Armen den Stoß mit Unkraut, Blättern und Geäst, denn sie auf das Beet ausgesondert hatte, und warf alles in eine Schubkarre. Als sie sich aufrichtete, bemerkte sie den Wind, der ihr kalt über den Rücken fuhr. Hatte jemand gerufen? Das Kreuz schmerzte. Vorsichtig führte sie die Karre. Der kleine Weg zwischen den Tannen, die das Grundstück säumten, war jetzt ganz zugewachsen, Laura wandte den Kopf zur Seite, um die stachlichen Zweige nicht im Gesicht zu spüren. Winzige Mücken und Fliegen schwärmten auf, als sie das Dickicht störte, sie presste die Lippen aufeinander und senkte den Blick. Im freien Feld wuchs das Gras meterhoch, hier wurde nur zweimal im Jahr gemäht. Sie kippte das Unkraut hinein und kehrte schnell wieder um.

   Wie viel Zeit war vergangen? War es Mittag oder schon am Nachmittag? Und das Kind - sie hatte ihr Kind wirklich vergessen! Nein, es schlief, alles still, sie würde es hören.

    Als sie sich daran machte, die Büsche, die sie vor Jahren vor den Tannen gepflanzt hatte, vom Unkraut zu befreien, erreichte sie diese gedrückte Stimmung wieder, die von Unheil sprach. Würde das Wetter umschlagen? Der Wind war stärker geworden, am Himmel zog ein dichtes Gewölke auf, das Blau des Himmels wirkte übertrieben zwischen diesem Grau. Nein, es musste kein Unwetter geben, das war genauso wie an allen vorigen Nachmittagen. Das Unheil wartete andernorts, sie wusste nicht woher und warum. Ein Erdbeben, ein Flugzeugabsturz, ein plötzlicher Krieg, so etwas gab es alle Tage, Verhaftungen, Folter, ein unaufgeklärter Mord. Aber nicht in ihrem Garten. Das erwartete sie nicht.

   Jetzt redeten diese Leute wieder zu, Laura arbeitete im gleichen Tempo weiter, nur daß sie nun versuchte, den Stimmen näher zukommen, um ihnen zu lauschen. Sie unterhielten sich in einem fremdartigen Dialekt, aber es gab nur einzelne Worte, die zu verstehen waren, man wußte nie, worum es ging. Vielleicht ging es um nichts, und die Leute wollten lediglich in ihr quasseln, aber sie kannte sie nicht. Und Laura war überzeugt, es muß irgendeine Verbindung geben zu ihrem eigenen Leben. Die Hortensie war befreit, Laura atmete auf. Dahinter aber wucherte dieses klebrige Schlingkraut die Forsythie, die sie vor langer Zeit hier zwischen die Tannen gesetzt hatte, nachdem eine Tanne plötzlich abgestorben und umgefallen war. Laura spürte eine große Eile, so als ob sie bei etwas Verbotenen überrascht werden könnte. Mit wilden Eifer riß sie an dem verschlungenen Kraut, daß sich ihr in die Haare und an die Kleider heftete. Sie arbeitete sich vor bis hinter die Tannen außerhalb ihres Grundstücks, ins wilde, angrenzende Land und hatten nun das Gefühl, sich sehr beeilen zu müssen. Was suchte sie hier eigentliche? Sie schrak zusammen. Ein Flügelschlag hatte sie am Arm berührt, wie von durchsichtigem Pergament, aber in einer ungewöhnlichen Größe. Laura schlug mit den Armen um sich. Wo war die Zeit? Eine Ente quakte, ein Trecker zog fern eine Straße entlang. Laura wollte hinein ins Haus. Als sie aufschaute, den kleinen Hügel hinauf, wo ihr Haus stand, aus Backstein, ein gedrungenes Landarbeiterhäuschen, war es ihr, als gingen die Türen drinnen und Stimmen. Beruhigt beugte sie sich wieder nieder um die verkrauteten Wege zwischen den Gemüsebeeten zu jäten, dann jedoch erinnerte sie sich, daß sie nicht mehr mit Leuten wohnte, sondern allein. Das Baby schlief im Gitterbett.

    Das Gras auf den Wegen warf Verästelungen über die Beete, dort lieferst zwischen Wurzeln, Zwiebeln und Spinatpflanzen entlang. Eine Distel setzte ihre Kinder verstreut zwischen die Salatköpfe. Es war keine Marotte, die Wege freizurupfen, das Unkraut, wenn man es nicht im Auge hatte, verschlang im Nu das mit Mühe und Liebe gesetzte Gemüse. Diesen einen Weg nahm Laura sich noch vor, alle Hirngespinste beiseite wischend: Da kam die Sonne hervor, kein Unwetter nahte, es war Sonntag, die Bauern fuhren ihr Heu ein, die Kinder saßen schüchtern lächelnd auf dem Sitz über den großen Rädern nun, die Frauen bucken Apfelkuchen und lüfteten die gute Stube. Laura sah einen Weg schien mit blonden Zöpfe am Klavier sitzen. Sie spielte auswendig, mit geradem Rücken, die Finger noch recht kurz und wollten schon Großes greifen. Das Kind war ganz hinübergeglitten in die Klänge, es durfte nicht denken, dann gehorchten die Finger nicht, schweben mußte man, und wissen: Ich werde eine große Pianistin. In dieses Hochgefühl hinein quasselten die Leute, in einen fremdartigen Dialekt, das Mädchen kannte sie nicht, bemerkte nur ab und zu verwundert, daß es im eigenen Inneren einen Ort gab, an dem Auseinandersetzungen stattfanden, Streitgespräche.

   Wen sie doch einmal in Ruhe ihren Garten ordnen dürfte! Aber woher kam die Hast. Es könnte sein, daß gleich jemand käme und ihr Vorhaltungen machte. Sie sollte ihre Zeit nicht in den Garten verschwenden. - Aber es kam niemand. Das Auto des Postboten hörte sie meist zu einer Stunde, in der sie mit Füttern und Windeln beschäftigt war, da klappte der Briefschlitz, das gab einen kurzen erregten Hüpfer inwendig, aber eigentlich brachte er jeden Tag nur die Zeitung. Also war es diese unheilvolle Luft, die sie antrieb. Die Wolken schoben sich dichter zusammen und türmten sich zu gräßlichen Fratzen. Weit aufgerissenen Münder verschlangen die letzten Sonnenstrahlen. Lauras linke Hand fraß sich durch das Dickicht des Unkraut, die Rechte mit dem Handschuh faßte die kleine Hecke. Und es kam ihr jedesmal wie eine Bestrafung vor, wenn sie versehentlich in eine glitschig Schnecke griff oder sich doch an einer winzigen Brennesseln brannte. Kam das Unheil von ihren Tun, oder war sie der Anziehungpunkt, durch den es hindurchging? Als die Tiefflieger kamen, flogen sie direkt auf sich zu. Der Krieg war auf sie gemünzt. Und doch warf sie sich nicht zu Boden. Es kamen mehrere in dichter Folge aus einer Richtung, dann von beiden Seiten, und trafen sich unmittelbar über ihrem Kopf. Alles nur ein Spiel, das wußte sie, aber ein gefährliches, es kamen immer wieder Menschen dabei ums Leben, Menschen wie sie, die im Garten standen oder gemütlich im Sessel saßen. Sie warf sich nicht zu Boden, weil es eine andere Angst war, die sie zur Vorsicht rief. Diesen mußte man aufrecht entgegensehen.

    Laura zog den Handschuh aus und klopfte sich den Dreck von der Linken. Mit dem Dreizahn kratzte sie sich die Schulesohlen sauber. Wie schwer der Boden war! Zäh hingt er in den dicken Klumpen an ihren Stiefeln. Laura sammelte ihre Arbeitsgeräte zusammen und schaute, was sie geschafft hatte.

    Als sie den Hügel hinaufstieg, den Blick zuerst noch im Garten verhaftet, sah sie, wie aus ihrer Eingangstür ein Mann trat, ihm folgte ein zweiter. Später wußte sie nicht mehr genau, ob der zweite gleich draußen gestanden hatte und der eine nur aus der Tür getreten war, die der eine schloß. Sie ging langsam weiter hinauf, da sahen die Herren sie und warteten mit einem kleinen Lächeln, bis sie oben angekommen war. Sie trugen beide graue Alltagsanzüge, die so aussahen, als hingen sie seit Jahren schon an ihnen, bei Regen und Schnee, Tag und Nacht. Der eine, der jetzt den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, zeigte schief und krumm gewachsene Zähne, Laura konnte sich später nur an den einen, besonders langen erinnern, vielleicht war es auch der einzige gewesen. Er hatte fahles, schütteres Haar und Augen, die nicht beide in eine Richtung sehen konnten. Der andere blickte leer durch dicke Brillengläser, eher klein und stand mit verfallenen Schultern. Laura verstand nichts. Wieso wurde ihr dieser Jammergestalten geschickt? Dann tippte der mit dem Zahn auf die Bibel, die der andere in den Händen hielt, und Laura sagte bestimmt, aber, wie sie später fand, nicht verärgert genug: Nein, lassen Sie mich damit in Ruhe. Die beiden Gestalten zogen sich sofort zurück, das überraschte Laura, sie liefen mit hängenden Schultern, aber sehr selbstverständlich den Hügel hinunter zur Straße. Laura eilte ins Haus und verschloß die Tür. Oder sollte sie offenlassen, damit noch etwas hinaus könnte, etwas, daß die zwei hinterlassen hatten? Laura versteckte sich hinter den Pflanzen am Fenster und beobachtete, wie die beiden Männer mit einer Aktentasche unter dem Arm bis zur Ecke gingen. Wie sie dort liefen, wirkten sie nicht abgewiesen, ehe gleichgültig, oder sogar so, als hätten sie ihre Aufgabe erfüllt. Unter den großen Kastanien hatten sie ihre Fahrräder abgestellt, sie stiegen auf und fuhren die Straße zum Dorf.

    Laura schaute hastig durch die unteren Zimmer. Alles stand an seinem Platz, nichts fehlte, aber die Räume lagen fremd, und jeder Gegenstand schien einzeln für sich zu bestehen, ohne Zusammenhang, und starrte sie verloren an. Nur das Klavier, alt und verstimmt, schien eine Vertrautheit zu bieten, und Laura merkte, wie es ihr wohltat, die Noten zu betrachten und mit den Händen über das dunkle Holz zu streichen. Sie hatte lange nicht mehr gespielt. Jetzt setzte sie sich, schlug die Seite auf, die sie immer als erstes aufgeschlagen hatte, "Impromptus und Moments musicaux", legte die Finger auf die Tasten und began zu schweben. Das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen. Das Klavier stand in einer kleinen Kammer. Eine Stehlampe mit Troddeln. Ein abgeschabter Sessel in Alterosa... Ein Schlafsofa in derselben Farbe. Langsam ist eine alte Frau zu erkennen, sie sitzt in einer Ecke des Sofas unter der Lampe, die Brille auf die Nase gerutscht, gebeugt über eine Bibel. Die Großtante hört nicht hin, was das Mädchen spielt, manchmal summte sie leise eine andere Melodie. Was quasseln jetzt die Leute? In fremden Sprachen, geht es um sie? Der Rest der engen Wohnung unscharf. Der Vater wie hinter einer Schallmauer, nicht ansprechbar. Die Mutter tuschelt mit der großen Schwester. Dein Vater ist unfähig, krächts die Alte. Deine Mutter verschwindet schon wieder, wer gibt ihr das Geld, daß sie ausreiten kann, Sonntagmorgen, von mir hat sie es nicht. Sie soll sich um ihre Kinder kümmern. Aber Vater darf faulenzen! Solch einen Mann hätte ich schon lange zum Teufel gejagt. Die Große lernt nur Unfug von ihm, läuft schon genauso verzottelt herum.- die Litanei, nicht nur am Sonntagmorgen gesungen, dringt durch die Ritzen der Türen, schwingt durch die Luft, spannt sich über die Enge der Wohnung, sitzt in jeder Gardinenfalte und unter den dicknoppigen Kissenbezügen. Das Schweigen des Vaters zieht hinauf an die Zimmerdecke und sammelt sich zu einer dichten Wolke. Manchmal ist kein Atmen. Das Mädchen am Klavier übt und übt, und es schwebt, und es ist egal, was die Leute quasseln, es sind Fremde. Die eigenen reden nicht miteinander, wenn das Unwetter losgeht, gibt es Tote. Laura schrak auf. Hatte das Baby geweint? Sie stürmte die Treppe hinauf, es war ihr, als sei sie lange fortgewesen, und sie machte sich Vorwürfe, diesen Moment ohne es gelebt zu haben, und war doch jede Sekunde mit ihm in einer feinnervigen Verbindung gewesen.

    Als sie die Tür öffnete, schlief das Kind. Es hatte sich halb zur Seite gelegt, alle viere in vollkommener Gelöstheit ausgestreckt, die kleinen Mund zu einem Oval geformt. Es lag verkehrt herum im Bett. Laura lächelte.