Astrid Schmeda

 

Wenn die Schluchten weichen
Eine Frauenreise

Es kommt der Tag

Es kommt der Tag, wo die Berge sich bewegen
sie schlafen nur für eine kurze Zeit
in der Vergangenheit haben sie sich erhoben
und man sah sie brennen viele Meilen weit

Doch vielleicht wird das noch niemand glauben
doch es gibt eins, was sie glauben sollten
die Frauen, die jetzt schlafen, werden bald erwachen
und da hingehen, wohin sie immer wollen

Kannst du den Fluß unter dir hören
wie sich sein Wasser durch die Schluchten gräbt
hörst du, wie langsam die Steine zerbrechen
und der Fluß den Sand aus den Tälern gräbt

Doch vielleicht wird das noch niemand glauben
doch es gibt eins, was sie glauben werden
wenn die Wasser die Felsen niederreißen
und die Schluchten weichen vor dem neuen Gärten.

(Amerikanisches Frauenlied,
übersetzt von Frauengruppen München)

 

WENN DIE SCHLUCHTEN WEICHEN - Eine Frauenreise

Roman

1. Auflage Hamburg, Buntbuch-Verlag, Hamburg 1982; 2.Auflage Hamburg, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag.  

Beide Auflage vergriffen; erhältlich über Antiquariate oder die Autorin.  

Inhaltsangabeu

Fünf Frauen reisen auf die Insel Mallorca.

Annika, Silke, Selma und Wanda arbeiten in einem kollektiv geführten Frauenberatungsladen; Isabel und Annika  wohnen gemeinsam in einer Wohngemeinschaft. Vierzehn Tage verbringen die Frauen auf der Insel, entdecken Dörfer, Städte und Landschaften, wandern, sitzen in Bars und diskutieren. Es ist, Ende der 70iger Jahre, die Zeit, in der keine Tabus und Konventionen gelten gelassen werden, in der alles besprochen und neu überdacht wird: Beziehungen zu Männern und zu Frauen, Liebe, Sexualität, Eifersucht und Gewalt, das Schreiben, Kunst, Literatur und Politik ... Das Subjektive ist das Politische. Der Beginn einer Liebesgeschichte zwischen zwei der Frauen entzündet die Auseinandersetzung über Nähe und Distanz.

Es ist auch eine Reise in die Vergangenheit. In kurzen Rückblicken wird die Kindheit der fünf Frauen erzählt, ihre Entwicklung aus der Familie heraus, das Frau-Werden, der Eintritt in politische Bewegungen und schlieblich die Begegnung untereinander.

Sie sind unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft. Wanda und Selma sind noch im 2.Weltkrieg geboren und haben die unmittelbaren Folgen miterlebt. Annika kommt aus einfachen Verhältnissen und ist ein Kind der 50iger Jahre. Silke und Isabel wurden in die Wirtschaftswunder –Zeit hineingeboren, stammen aber aus unterschiedlichen Milieus. So wird auch deutsche Nachkriegsgeschichte erzählt, von unten und aus Frauen-Sicht.do

Die Frauen verkörpern ein Stück gelebter Emanzipation; sie sind erfüllt von der gemeinsamen Utopie nach Freiheit von Unterdrückung und Beschränkung als Frau. Aber an den Themen Liebe zu Frauen und/ oder zu Männern, Kinderwunsch, politisches Engagement und/ oder künstlerische Arbeit, werden sich ihre Wege trennen.

ISBN 3 499 156164


Leseprobe 1

1. Tag

Feinnieseliger Novembersonntag. Vorwiegend ältere Leute lassen sich von Taxen oder Angehörigen zum Flughafen bringen. Die Schlangen an den Schaltern wachsen kurzzeitig an, zerstreuen sich dann wieder. Durch die Schwingtür kommen zwei Frauen und zwei Männer, die Frauen tragen ihre Scheu ihre schweren Koffer selbst, die Männer halten ein paar Netze und Taschen in den Händen. Sie bleiben etwas unschlüssig in der Mitte der Halle stehen, die Frauen sehen sich um ruhig um. Die eine trägt dunkelblaue Cordjeans, die unten an den knöchern mit einem Gummiband zusammengezogen sind, so daß sie aussehen wie Pumphosen. Darüber eine dunkelgrünen, halblange Cordjacke mit Kapuze. Sie schiebt ihre Handtasche über die Schulter, streichelt sich die dunkelblaue Locken aus der Stirn. Die anderen sind noch nicht da, hoffentlich sind sie pünktlich. Sie drehte sich um zu ihrem Begleiter und wirft ihm einen traurigen, fragenden Blick zu. Der steht groß und steif steif neben ihr, drehte sich eine Zigarette und hält sie mit seinen Blicken fest.

    Auf die andere trägt einen halblangen, weithin dunkelroten Rock, der Stiefel und eine schwarze Steppjacke. Ich hol mir noch ebend Tabak, Hallo sie läuft zum Stand und wirft dabei mit einer kurzen Handbewegung ihr langes, glattes schwarzesHaar über die Schultern nach hinten. Annika und Jan halten sich im Arm, reden leise und heftig miteinander. Sie sieht an ihm vorbei oder nach unten.

    Durch die Schwingtür kommen drei weitere Frauen und ein Mann. Die eine groß und mit langen festen Schritten, Jeans, Wanderschuhen, Parka; ihr langes hellblondes Haar weht ihr beim Gehen nach hinten über den Rücken. Die zweite klein und schwarzhaarig, mit blauem weiteren Rock, buntbestickter Jacke und einem wunderschönen gehäkelten Umhängetuch. Sie wird von einem Mann, der sich etwas im Hintergrund hält, begleitet. Die dritte in Jeans, der Stiefel und heller Cordjacke, ein dunkles Tuch um den Hals geschlungen, und kurzem Haarschnitt, geht als erste auf die anderen beiden Frauen zu. Hallo Annika, hallo Isabel. - Hallo, Silke. Sie lächeln sich mit verhaltener Freude zu. Die drei gehen zum Schalter, Wandas Begleiter verabschiedet sich mit kurzem Gruß.

    Isabel, die sich Tabak und Schokolade gekauft hat, fällt Jochen um den Hals, sie halten sich kurz, sie nimmt dann ihre Koffer und geht den drei Frauen nach. Glaub es mir, es braucht dir keine Angst zu machen, sagte Annika, laß mich jetzt, ich möchte zum Schalter. - Und du meinst nicht, es wäre besser gewesen, es mir zu sagen? - Nein. Sie umarmt auch Jochen noch kurz und etwas unbeholfen und fühlt Jans traurigen Blick auf ihrem Rücken, während sie geht. Scheiße, warum mußte er es mir nun hier noch aus den Rippen pressen! - Endlich geschafft, puh, ist das immer schwierig, stöhnt sie, als sie bei den andern ankommt. Selma hockt am Boden um und kramt in ihrer Tasche, sieht lächelnd zu Annika auf. Erst mit ihnen die Nacht verbringen und hinterher stöhnen, sagt sie ironisch.

    Die fünf Frauen warten aufeinander, bis alle die Hindernisgänge durchlaufen haben, nehnen ihr Handgepäck und setzen sich in die Wartehalle.

    Selma schaut sich um nach ihrer Mutter: Moeine Mutter muß auch hier sein, sie fliegt mit derselben Maschine. - Der Flug wird durchgesagt, die Reisenden nehmen hastig ihr Handgepäck hoch und Reihen sich in die Schlange ein. Selma steht seelenruhig und redet mit ihrer Mutter. Wanda ist in die Karte von Mallorca vertieft. Die drei anderen stehen auf und wollen gehen. Unsere beiden älteren Damen sind immer etwas langsamer, sagt Annika, he, es geht los, nun macht mal!

    Sie stehen im Gedränge mit den andern Reisenden, zurechtgemachte Damen und ältere Herren, einige jüngere gutbetuchte Paare. Selma erzählt laut von ihrer Freundin Gela. Sie wollte mich gar nicht gehen lassen, wir hatten nämlich gerade eine sehr schöne Phase; heute morgen im Bett hat sie zu mir gesagt, ich soll ja nicht denken, ich müßte ihr schreiben. Ja, es ist mal wieder sehr schön mit uns zur Zeit, wer weiß, wie sie sein wird, wenn ich wiederkomme, wahrscheinlich muß sie sich dann erst wieder distanzieren. Was war den eigentlich mit euch? fragt sie Annika. Ach, ich hatte eine sehr schöne Ausbildungwoche und habe da mit dem einen Therapeuten geschlafen, sagt Annika mit einem etwas verlegen Grinsen. Ich wollte das Jan nicht gleich sagen, ich wollte es halt erstmal für mich behalten und verarbeiten. Nun hat er es mir hier noch herausgepreßt. Das ist natürlich blöd, sich so zu verabschieden. - Ja, weil ich weiß, daß er jetzt durchhängt. Aber es ärgerte mich auch. - Ein mittlerer Herr im dunkelblauen Mantel blickt sich um und räuspert sich leicht, Annika fällt auf, daß die anderen um sie herum kaum miteinander reden, nur hast du auch dies und das nicht vergessen und paß auf, hier die Tasche, da ist das drin. Selma ragt über die Köpfe der meisten anderen, wirft ihre Haare zurück und lachte süffisant, hm hm, diese Frauen!

    Wanda sitzt am Fenster des Charter - Flugzeugs Richtung Spanien und sieht auf die Rollbahn, während der Vogel mit lautem Getöse beginnt, sich in Bewegung zu setzen.

1942

Wandas Mutter wohnt mit ihren beiden Töchtern in einer Kleinstadt im Sudetenland. Der Vater ist eingezogen wurden, nachdem er gerade sein Studium beendet hatte. Ein Herbstnachmittag. Wanda ist drei Jahre alt. Sie sitzt auf dem Fußboden der Stube und spielt. Ihre kleine Schwester liegt im Bett nebenan. Da kommt Mutter, sie reißt die Tür auf, verschließt sich hinter sich, die Kleine auf dem Arm, zieht hastig die Gardinen zu, die Kleine fängt an zu weinen. Wanda hört zu spielen auf, sieht Ihre Mutter an. Dann ein Knall und Glas zersplittert. Schnell unters Bett, Mutter zieht Wanda mit sich, ein Knall nach dem anderen, Kugel pfeifen ins Zimmer. Sie liegen flach auf dem Boden. Wanda sieht rechts und links die dicken hölzernen Bettpfosten. Wie eine Gardine hängt die über Decke mit ihren Fransen bis kurz über dem Boden. Ein schmaler Spalt Licht drängt zu ihnen durch. Sie hält sich eng an der Mutter fest, die kleine Schwester weint. Wanda ist still, liegt mit weitaufgerissenen Augen neben ihrer Mutter. Mutter riecht nach Kräutern und Kindercreme. Stille, lange Stille bevor sie unter dem Bett hervorkriechen. Draußen ist es dunkel geworden. Mutter steht hinter der Gardine und sieht durch einen leichten Spalte runter auf die Straße. Sie schiebt das Kinderbett herein. Wanda schläft heute Nacht mit Mutter im großen Holzbett.

    Die Mutter steht früh auf. Wanda liegt im großen Bett mit ihrer Stoffpuppe im Arm, an der sie immer nuckelt. Sie sieht Mutter nach, wie sie hin - und herläuft. Laute Stimmen vor dem Haus, schwere Schritte auf der Treppe, Poltern an der Tür, Rufe. Mutter erschrickt und geht öffnen. Wanda steigt aus dem Bett und läuft hinter ihr her. Um die Mutter herum stehen schwere Stiefel. Sie reden laut und rauh. Mutter spricht mit fester, leiser Stimme, sie schüttelt den Kopf und sagt immer wieder Nein. Wanda versteht, daß die schweren Stiefel die Mutter mitnehmen wollen. Sie hält sich unten am weiten, bunten Rock der Mutter fest, krallt sich an die Mutter, schreit und weint laut. Die Stiefel stampfen schwer durch die Wohnung, poltern durch die Küche, die Stube und die Kammer. Die kleine Schwester schreit. Die Stiefel hinterlassen auf ihren Weg kleine Dreckwürstchen. Nach einer ewigen, atemangehaltener Zeit voll Angst gehen die Stiefel, poltern die Treppe runter, und fällt die Tür zu. Mutter schließt die Tür ab und hebt Wanda auf. Wanda legt ihr Gesicht in die lautlosen Tränen der Mutter.

1944

Wintermorgen. Wanda stapft neben ihrer Mutter durch den Schnee, neben ihr und vor ihr schwere Winterschuhe und dicke Strümpfe, die alle in dieselbe Richtung gehen. Wanda hat einen kleinen Rucksack auf, darin ist Brot und Käse und die Puppe Nadja. Sie ist stolz auf ihren Rucksack. Mutter trägt den kleinen Bruder auf den Rücken, die Schwester hält sie an der Hand. Vor ihnen geht eine Nachbarin. Sie schiebt einen großen Karren, auf dem auch ihre Koffer liegen. Langer, winterkalter Marsch. An den Fäustlingen bilden sich kleine Eiskristalle, wenn Wanda vorher daran geluscht hat.

    Bahnhof, dicke Wollröcke, Winterstiefel, Karren, Koffer, Geschiebe, Gedrängel, Kinder weinen, Frauen rufen. Wanda hält Mutters Rock fest. Jemand hebt sie die großen Stufen hoch in den Zug. Sie stehen eng gedrängt im Gang. Der Zug rattert Ewigkeiten durch verschneite Landschaft. Der Weg zum Klo ist zu weit, Wanda hat Angst, Mutter zu verlieren, sie sagt nichts und läßt es warm ihre Beine runterlaufen. Ihre Wollstrümpfe bleiben lange feucht.

    Plötzlich hält der Zug, alle schieben raus, Stöße, Rufe, schnell schnell, den Bahndamm runter, aufs Feld, in den Graben. Sie liegen im Schnee, dicht die Schwester, die schon wieder heult, weit oben der Bahndamm, der Zug steht, alle Türen offen. Wanda sieht ängstlich der Lok nach, die langsam in der Ferne verschwindet. Dann kommen sie, die schwarzen Vögel, erst Stecknadelköpfe am Himmel, dann immer größer, genau auf sie zu, jetzt sind ihre Schwingen zu sehen, sie heulen über sie hinweg, tief, lassen dunkle Rauchstreifen hinter sich. Die eingemummten Menschen rappeln sich langsam wieder auf, ein erleichtertes aufatmen liegt in der Luft, Scherze lachen zwischen den roten Nase hin und her. Wieder tragen fremde Hände die Kinder die Treppenstufen hoch. Nach einer wartenden langen Weile gibt es einen Ruck. Siehst du, sagt eine alte Frau neben Wanda, das ist unser Lok, sie hat uns nicht vergessen.

Sie stehen in einer Bauernstube; ein alter Mann, eine alte Frau, eine dicke Frau mit Kopftuch, drei Kinder, die etwas älter sind als Wanda, sitzen um einen Tisch und essen warme Suppe. Sie sagen nicht, kommt, sitzt euch, hab ihr Hunger? Sie gucken sie fremd und unfreundlich an. Ein kleiner Junge lacht und zeigt auch Wanda. Sie sprechen hier ein ganz komisches Deutsch, Wanda versteht fast nichts. Sie schicken die Mutter mit den drei Kindern in eine Stube unterm Dach. Ich glaube, die mögen uns nicht, sagt Wanda, wollen wir nicht lieber wieder gehen? Wohin denn, mein Kind? erwidert Mutter, es wird schon werden.

Wanda geht einen langen Feldweg entlang, ein paar Meter vor ihr drei andere Kinder. Sie wollten nichts mit Wanda zu tun haben. Wenn du die Sirenen aus dem Dorf hörst, das ist Tieffliegeralarm, hört Wanda ihrer Mutter sagen. Dann mußt du dich schnell in den Graben schmeißen. Diesmal schafft sie es ohne die Sirenen bis zum Kindergarten, gestern war es auch nur auf dem Rückweg. Der Vater wird nicht wiederkommen, hatte Mutter gestern gesagt. Sie hatte einen Brief in der Hand und wieder ihre lautlosen Tränen im Gesicht. Mutter war so weit weg, wenn er da war, denkt Wanda, sie haben immer so ernst miteinander gesprochen. Und manchmal hat er mich hochgenommen und mein großes Mädchen gesagt.

    Abends stehen sie draußen. Ein roter Schein am Himmel, in der Ferne. Bombenangriff auf Nürnberg, hört Wanda die Erwachsenen sagen.

Der große Vogel hat schnell die nieselige Dunstglocke über Hamburg durchstoßen und ist in die Welt darüber geglitten, die Welt, die nach unten ein weißer Watteteppich schmückt und nach oben vor Blau kein Ende findet. Auch hier gibt es einen Sonnenuntergang in Rot.

    Wanda wendet sich mit der heraufziehenden Dämmerung vom Fenster ab. Selma, die neben ihr sitzt, erzählt ihr schon seit einer geraume Weile die neuesten Geschichten aus ihrer Wohngemeinschaft. Ein paar Reihen hinter ihnen sitzt Selmas Mutter, einer Umdiesesechzigerinnen, die über die Winter - und weihnachtlichen Monate die kalte, einsame deutsche Landschaft verlassen, um auf Mallorca Wärme und Geselligkeit zu finden.

1942

Selmas Mutter kommt vom Arzt. Er hat ihr gratuliert. Sie ist schwanger. Eine schwere Zeit, aber das deutsche Volk braucht... hat er gesagt. Ein Kind, ein Kind. Wenn er es wüßte... Sie geht die hitzestaubigen Straßen und sieht diesmal all die Kinder, die ich hier spielen, wie wird es sein, wenn ihr Kind so alt ist wie diese hier? Sie trägt den Brief in ihrer Handtasche. Ich habe mich entschieden, mir ist die Bürde noch zu schwer. Ich bin noch jung. Zwar gab ich dir damals etwas unbedacht mein Versprechen... Du wirst mich schnell vergessen... Sein Gesicht, immer hat sie sein Gesicht vor Augen, wenn er hören wird, daß sie ein Kind von ihm erwartet. Wir der er es hören?

Eine gutbürgerliche Stube. Sofa, Tisch mit Spitzendecke, Vitrine, Büffet. Zwischen diesen alten Möbelstücken läuft der alte Herr umher. Selmas Mutter sitzt auf dem Sofa und hält sich ein Taschentuch vor die Augen. Du mußt es tun, mein Kind, sonst kommst du später nicht zurecht. Wie willst du denn dich und das Kind ernähren? Die Zeiten werden nicht besser, wer weiß, was dieser Krieg uns noch alles bescherrt! Sieh, ich bin sein Vater, und ich weiß, daß er es richtig finden wird. Es ist doch für uns alle schwer. Er steht groß vor ihr und streicht ihr über den Kopf. Die Tür geht auf, eine ältere Frau kommt mit einem Tablett herein. Er hat schon recht, sagte sie. Komm, trinkt erst mal einen Kaffee. Sie legt ihre Schürze ab, setzt sich neben der junge Frau aufs Sofa. Wir wollen uns freuen, wenn das Kind gesund ist. Und es soll kein uneheliches sein. Du wirst es später besser haben. - Und schließlich, vielleicht haben wir doch eines Tages was zu vererben, sagt ihr Mann. Wer weiß, ob der Krieg uns noch was läßt, erwidert die Frau leise.

Selmas Mutter steht in einer ungemütlichen Amtsstube. Sie trägt ihr schwarzes Kostüm, obwohl es draußen schon zu kalt dafür ist. Ich werde hier nicht lange stehen können, denkt sie, hoffentlich ist er bald fertig. Sie hört nicht, was der Standesbeamte sagt, sie sieht nur bis zu seiner Brust auf den abgeschabten Anzug. Die Scheiben hinter ihm sind beschlagen. Vorhin beim Reinkommen hat sie nicht sehen können, der noch im Raum ist, alles spielt sich wie in einem grauen Schleier ab. Links neben ihr auf einem Stuhl liegt der Stahlhelm. Sie sieht nicht hin, versucht ihre Gedanken auf die Wasserperlen an der Fensterscheiben zu lenken, gleich, wenn sie ja gesagt hat, wird es vorbei sein. Hochzeit mit einem gefallenen Soldaten.

Kurz bevor ihre Knie zu weich werden, um sie noch tragen zu können, fühlt sie einen kräftigen Griff unterm Arm. Der Schwiegervater führt sie aus dem grauen Nebel. Auf dem langen Gang ist wieder bessere Sicht. Schwiegermutter wartet zu Hause auf dem Sofa und hat eingeheizt. Sie hat einen Kuchen gebacken. Wie lange hast es keinen Kuchen gegeben! Schwiegermutter hat geweint. Sie wischt jetzt in geschäftigen Bewegungen ihre Tränen wieder fort: Iß, mein Kind, du bist ja ganz blaß.

1946

Selma ist drei Jahre alt. Sie schmiegt sich so an ihre Mutter an, daß sie das eine Auge zumachen muß. Mit dem anderen sieht sie über die dicknoppige Tischdecke hinweg der Dämmerung zu, wie sie die Möbelstücke langsam schwarz färbt, den Schrank, die Kommode, das Klappbett, das Kinderbett. Erst wenn das Dunkel keine Zwischenräumen mehr läßt, zündet Mutti eine Lampe an. Dann hört sie auf, Geschichte zu erzählen, und gerade diesen Zeitpunkt versucht Selma mit verschiedenen Tricks hinauszuzögern. Etwa indem sie das zweite Auge zum Sehen dazunimmt oder ihre Augen besonders weit aufreißt. Oder man kann versuchen, die Geschichten zu verlängern. Welche alte Frau? Und wieso? Und nochmal und noch die vom Zwerch, nur noch die vom Zwerch. Stimmt nicht, du hast was vergessen. Selma kennt die Geschichten genau, und sie müssen auch genauso wiedererzählt werden, wie Mutti sie das erste Mal erzählt hat. Heute Abend will sie ihre kleine rote Tasche mit ins Bett nehmen, die sie sich umhängen wird morgen früh, wenn Mutti sie in den Kindergarten bringen will. Selma will nicht in den Kindergarten, sie fürchtet sich vor den anderen frechen Kindern. Aber Mutti hat Arbeit gefunden. Sie wird nicht weit vom Kindergarten entfernt in einem großen Haus stehen und Kartons falten. Dafür gibt es Geld, und sie kann Selma davon Schokolade kaufen. Wieso kann sie die Kartons nicht hier falten? Hier in der Stube, Selma will ihr dabei helfen. Es nützt nichts, es ist ganz dunkel. Mutti zündet die Lampe an. Selma vergräbt ihr Gesicht in dem kratzigen Pullover der Mutter, damit das grelle Licht nicht so in den Augen beißt.


Astrid Schmeda

Wenn die Schluchten weichen
Eine Frauenreise

Leseprobe 2

Wir sitzen am Abend Wein trinkend um den Kamin. Ich lehne mit dem Rücken an der Wand und lege meine Beine auf die Steinbank. Silke fragt, ob sie sich bei mir anlehnen kann. Ich stelle die Beine auf, und sie lehnt sich mit dem Rücken gegen meine Knie.

    Selma und Silke erzählen von frühen Verliebtheiten in Frauen. Einmal habe ich mich in meine Lehrerin verliebt, sagte Silke. Ich habe damals noch geglaubt, ich wäre eigentlich ein Mann, anders habe ich dieses Gefühl nicht auf die Reihe gekriegt.

    Wenn ich mir das heute überlege, sagt Selma, das ist schon komisch, daß es so lange gedauert hat, bis ich das wirklich für mich so annehmen konnte. Ich habe, bevor ich Freundschaften mit Männer hatte, eigentlich immer sehr intensive Beziehungen zu Freundinnen gehabt. Und wir haben auch mit einander geschmust, das war immer sehr schön, aber wenn es dann zu weit ging, haben wir uns am nächsten Tag nicht mehr ansehen mögen, irgendwie war es uns dann peinlich.

    Ich wunder mich, daß Silke so früh vom Verliebtsein sprechen kann. Ich kenne eine starke Faszination für Frauen, eigentlich so lange ich zurückdenken kann, das war aber immer so, daß ich so werden wollte wie sie. Ich habe sie zum Teil vollkommen kopiert. Ich hätte das die Verliebtheit genannt, so ein intensives Gefühl für eine Frau konnte nur Identifikation sein, ich habe sie mir später oft mit den Augen der Männer betrachtet, wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich in sie verlieben. Habe angefangen, so zu schreiben wie sie, mir die gleichen Pullover gekauft, meine Frisuren danach verändert. Gleichzeitig das Gefühl, selber so minderwertig zu sein.

    Ich beteilige mich wenig an dem Gespräch, lasse meine Gedanken fließen. Irgendwie habe ich das Gefühl, es steht mir nicht zu, mitzureden. Ich sitze, und Silke lehnt an meinen Beinen, warm, und ich spüre den Wunsch, meine Beine zu öffnen, so daß sie sich in meinen Schoß legen kann, ich behalte ihn zurück wie meine Gedanken. Ich höre, wie Isabel sagt, daß sie Verliebtheit zu Frauen auch kennt, von früher, daß ihr Beziehungen zu Frauen eigentlich auch sehr nahe liegen. Da wird mir das Gespräch irgendwie unangenehm, ich möchte nicht darüber reden, ein ganz diffuses Gefühl treibt mich aus dem Gespräch hinaus. Ich gehe hoch auf den Balkon. Der Mond scheint voll, daß Meer ist wieder da. Bis zum Rande des Dorfes hat es sich vorgeschoben, das Dorf ragt wie eine Brug mit seinen Lichtern und den beiden Türmen in das stille Weiß ringsum, daß alles sonst, Straßen und Felder, verschlungen hat. Ich bin wie verzaubert, stehe staunend. Ich gehe wieder hinunter, durch den Kaminraum, wo die anderen sitzen, und platzte mitten in ihr Gespräch hinein. Draußen ist es ganz toll! gehe unten wieder aus der Tür auf die Terrasse. Ich stehe und wünsche mir, daß jemand zu mir kommt, mir ist nicht ganz bewußt, daß ich einen Lockruf ausgeschickt habe, aber ich spüre diesen Wunsch und weiß zugleich, daß es Silke sein soll. Sie hat mich gehört, manchmal erfüllen sich Wünsche, sie kommt zu mir heraus, ich sage irgendetwas von Mond und Meer. Wir gehen hoch auf den Balkon, blicken über die rankenden Kakteen auf das nebelige Meer, daß der Mond in Silber tunkt. Unter dem Meer fahren die Autos entlang. Gelbe Lichterkegel bewegen sich langsam auf das Dorf zu und tauchen als Auto wieder auf. Wir reden gedämpft über diesen Zauber, fassen uns an, umarmen uns. Wir umarmen uns, umarmen uns, umarmen uns, spüren uns, streichen uns über den Rücken, halten uns ganz fest. Sie ist mir so nah, wie mir noch nie eine Frau war. Ihre Nähe fließt durch meinen Körper und läßt alles warm werden. Wir streichen ganz sanft unsere Gesichter aneinander, geben uns zarte Küsse auf die Wange, bis zum Ohr und runter zum Hals, auf die Stirn, die Nase, auf den Mund. Ich habe noch nie eine Frau auf den Mund geküßt. So ist es also, wenn ein Mann mich küßt, ihre Lippen mit einer kleinen rauhen Stelle wie meine. Ihr Mund ist lieb und fest und ihr Kuß nicht so fordernd wie der erste Kuß eines Mannes. Wir halten uns Ewigkeiten fest. Ich laß es einfach zu, es durchströmt mich warm. Silke, meine Schwester, meine liebe Schwester. Ich kenne mich selbst nicht mehr, sehe sie an, muß lachen. Ich wunder mich, ich bin plötzlich nicht mehr wie ich war, ich bin in eine andere Welt eingetaucht und bin erstaunt, wie leicht und schön der Schritt hinein ist. Irgendwann reden wir wieder. Ich halte ihr Gesicht in meinen Händen und sagte ihr zwischen kleinen Küssen, daß sie nun nicht zuviel von mir erwarten soll. Sage, paß auf, ich kann dir nichts versprechen, ich weiß nicht, was ich dir an Nähe geben kann, und ich denke, du brauchst sehr viel Nähe. Wie so denn, wie kommst du darauf, will sie wissen. Ich fühle das irgendwie. Vor allem, was du mir bisher von deinen unglücklichen Lieben erzählte hast. Ich halte sie fest und sage ihr, es ist nicht gut, wenn du dich auf mich einläßt, ich bin nicht gut genug für dich, du brauchst eine andere Frau.

    Ich habe vorher schon gewußt, daß ich mich in dich verlieben werde, sagte sie. Ich weiß, daß ich schon seit längerem mehr von dir will. Ich habe das vor unserer Reise schon Selma erzählt. Was? Lache ich, die wußten das schon eher als ich? - Ich freu mich drüber, ich bin erstaunt und verwirrt, wie naiv ich war, und ich freu mich, daß gerade Selma es schon vorher wußte.