ZEIT FÜR UMARMUNGEN 
Erzählungen und Gedichte

Buntbuch-Verlag, Hamburg 1984 
Vergriffen; zu bestellen bei der Autorin

Inhaltsangabe

Die meisten Erzählungen handeln vom Ebba. Es sind in sich geschlossene Texte, die über die Hauptfigur Ebba eine Verbindung erhalten. Das Leiden an der Kälte der Welt, Ängste, Wahnsinn, Sehnsucht und Leidenschaft, Beziehungen zu Männern und zu Frauen, Unterdrückung und Aufbegehren sind ihre Themen. 
Die Gedichte halten kurze Augenblicke fest, setzen Akzente in der Auseinandersetzung zwischen Frau und Mann, Abhängigkeit und Freiheit, sprechen

ISBN 3-88653-074-4

Zwischen den Jahren

Weißliches Licht
hält den Tag gefangen
der schnell vergeht
die Sonne ein ausgelaufener
Farbtupfer
über gefrorenen Wiesen
Ich gehe die Straße
entlang kahlen Birken
und denke
wer mir nahe blieb
über die Jahre
und zähle nach
auf wen ich zählen könnte
wenn es nötigt würde

Zu den weiterhin
unverfroren Kämpfende
steh' ich entfernt
bei den Leichtlebigen
mit stets gepackter Reisetasche
fühl' ich mich nicht zu Hause
fremd sind mir die sich schwerelos
nach Kosmischen sehnen
eher bin ich bei denen
die in dieser Zeit frieren
die Wärme suchen
die nicht müde werden
sich zu fragen
wie zu leben sei

 

Astrid Schmeda

ZEIT FÜR UMARMUNGEN

Leseprobe 1

Die verlorene Melodie  

    Sie wußte, daß sie sich belog, wollte aber nicht weiter darüber nachdenken. 
  
Sie gingen zum Wagen zurück und nahmen eine andere Route nach Hause. An den Straßenrändern luden große Schilder einer Weinkooperative zur Weinprobe.
   
Laß uns den Wein probieren! schlug Ebba begeistert vor, doch er war schon daran vorbeigefahren.
   
Sie bemerkte, die ihre Stimmung wieder wechselte, sie wollte sie festhalten, doch es kam ihr plötzlich vor, als sei Irene aufflackernde Erleichterung nur eine Fata Morgana gewesen. An deren hätte sie jetzt mit ihm einer Wein Probe genommen, sie erinnerte sich an frühere Fahrten an der Weinstraße, die beschwingt und heiter gewesen waren. Am nächsten Schild fuhr er vorbei.
   
Wollten wir nicht eine Weinprobe nehmen? fragte sie erstaunt.
   
Die Kooperative sah so groß und ungemütlich aus, gab er zurück.
   
Er hatte gar keine Lust dazu, dachte sie enttäuscht. Wahrscheinlich findet er ist nicht gut, am Tage Wein zu trinken. Wie vernünftig er immer ist! Ich würde so gern mal was Ausgefallenes tun.
   
Sie fing einen Streit mit ihm darüber an, daß er nicht sagte, was er wirklich wollte, und machte daraus ein grundsätzliches Problem.
   
Jetzt ist das Wetter besser geworden, und du hast einen anderen Grund gefunden, schlechte Laune zu sein, stellte er fest.

   
So hatte er zwar nicht recht, doch sie wußte, was sie mit dem Streik vermied und schwieg.

    Zum Meer hin klarte der Himmel auf. Als sie an ihrem einsamen Klippenhaus ankamen, hatte der Tag sich in einen strahlenden Sommernachmittag verwandelt. Ebba streifte ihre Sache ab und sitze sich in Bikinihose neben Urs auf den Balkon. Das Meer lag glatt und dunkelblau unter ihnen, mit vereinzelten weißen Tupfern. Der Strand zog sich hellgelb bis an den Horizont am Meer entlang und wimmelte von bunten Schirmen. Ebba vertiefte sich in ihr Buch. Sie las Sartre, »der Pfahl im Fleische«. Sie versuchte sich auf ihrem Liegestuhl so auszustrecken, daß sie sich nicht zu dick fand, wenn sie an sich hinunter sah. Doch das gelang ihr nicht. Je mehr sie las, desto unwohler fühlte sie sich in ihrer Haut. Sie legte das Buch auf ihren Bauch und seufzte.
    Urs sah von seinem Buch auf: was ist mit dir?
    Ich mag mich nicht leiden, sagte sie, froh, etwas gefunden zu haben, einen Grund, mit dem alles zu erklären war.
    Ich fühl mich in meinen Körper nicht wohl. Je mehr ich in dem Sartre lese, desto mehr lehn ich mich ab. Er hat so eine destruktive Art, die Leute zu beschreiben. Bei ihm gibt es nur welkes, schwabbeliges Fleisch.
    Aber du hast kein welkes, schwabbeliges Fleisch, meinte Urs. Du siehst aus wie immer.
    Sie sah ihn mißtrauisch an: begeistert scheinst du auch nicht gerade von mir zu sein. Nein, ich finde mich fett und häßlich.
    Sie stand auf, um sich ein T-Shirt überzuziehen. Als sie zurückkam, sah er sie an, und sie wußte, daß sie es jetzt aussprechen mußte.
    Ich glaube nicht, daß deine Unzufriedenheit nur mit Satres Beschreibungen zusammenhängt, sagte er.
    Nein, ich weiß, daß das Buch bei mir lediglich etwas anrührt: meine Unzufriedenheit über meinen Körper.
    Ich glaube nicht, daß es nur deine Unzufriedenheit über deinen Körper ist, beharrte er.
    Sie sah ihn kurz kann und blickte dann übers Meer.
    Ich habe eine diffuse Angst, Urs. Irgendetwas fehlt zwischen uns. Es ist nicht mehr so wie es war.
    Sie spürte, daß jetzt die Tränen in ihr aufstiegen und würgte sie hinunter.