Astrid Schmeda

QUASI UNA FANTASIA



Leseprobe 1

 
QUASI UNA FANTASIA - Eine Reise mit Fanny Mendelssohn


Roman  

Edition Nautilus, Hamburg 1.Auflage 2002 (mit limitierter Sonderauflage mit eingelegter CD:  Fanny Mendelssohn-Hensel, „Das Jahr – 12 Charakterstücke für das Forte Piano“, eingespielt von Liana Serbescu)  

Inhaltsangabe

Quasi una Fantasia - Wie ein Traum erschien Fanny Mendelssohn das Jahr in Italien. Es ist das Thema ihres Januar – Stückes, denn im Januar 1844 begann ihre Zeit in Rom, in der sie sich gründlich veränderte: fern von den Einschränkungen der Familie in Berlin und den Konventionen ihres Standes entwickelte sie sich zur bewunderten und gefeierten Pianistin und Komponistin.

Auch die Klavierlehrerin Selma, die Fannys Geschichte erzählt, hatte in ihrer Kindheit den Traum, sich aus der Enge der familiären Zwänge der 50iger Jahre heraus zur Frau und Künstlerin zu entwickeln.  

Der Roman, in 12 Kapitel gegliedert, orientiert sich an den 12 Klavierstücken, die Fanny nach ihrer italienischen Reise wie ein musikalisches Tagebuch schrieb.  

Fanny, Tochter aus reichem, bürgerlichen Hause jüdischen Ursprungs, war die hochbegabte ältere Schwester des berühmten Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie erhielt die gleiche Ausbildung wie die Brüder, doch ihr war seitens des strengen Vaters der Weg in die Öffentlichkeit versperrt. Nach dem Tod des Vaters übernahm Felix die Aufgabe, Fanny an ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten zu binden und ihr die Veröffentlichung ihrer Werke zu versagen. So kämpfte Fanny zeitlebens mit der Beschränkung, nur eine Frau zu sein – und schrieb dennoch. Auf ihrer Reise mit ihrem Mann Wilhelm Hensel und ihrem Sohn Sebastian nach Italien, vor allem aber in Rom, löste sie sich aus den familiären Beschränkungen und erlebte zum ersten Mal das Glück, Anerkennung und Bewunderung zu erfahren als Pianistin, als Komponistin – und als Frau: Sie begegnete dem Komponisten Gounod, der sie glühend verehrte und zu dem sie eine zärtliche Zuneigung entwickelte.

Fanny Mendelssohn starb, kurz nachdem sie ihre ersten Veröffentlichungen wagte, mit 42 Jahren in Berlin. Felix zerbrach an ihrem Tod und folgte ihr ein halbes Jahr später.  

Fannys Jahr in Italien wird in dem Roman erzählt von der Klavierlehrerin Selma, die in der heutigen Zeit lebt. Selma wendet sich wie in einem Brief persönlich an Fanny und kommt ihr dadurch sehr nahe. In einer kurzen Rahmenerzählung am Ende jedes Kapitels erinnert Selma sich an ihre erste Begegnung mit dem Klavier, an ihre Klavierstunden, und wie das Klavierspiel sie aus der Enge ihres Zuhauses heraushob. Die Sehnsucht nach einer künstlerischen Entwicklung geht zusammen mit der Entwicklung vom Mädchen zur Frau und den Hindernissen, vor die sie sich durch ihren Vater, aber auch durch ihre soziale Herkunft, gestellt sieht.

Durch die Rahmenhandlung wird die Geschichte Fanny Mendelssohns in einen aktuellen Bezug gestellt. 

ISBN 3-89401-395-8


Edition Nautilus

AVIVA-BERLIN

Fanny Hensel

Lebenslauf
Fanny Hensel geb. Mendelssohn

Fanny Mendelssohn, Komponistin - Rom 1839


Du würdest gern überprüfen, ob der Karneval in Rom noch so ist, wie Goethe ihn beschrieben hat. Den ersten Blick auf den Karnevals verschafft Ihr drei Euch von einem Balkon. Doch Du weiß gleich: Du möchtest näher heran. Die vielen ungewöhnlichen Kostüme kannst Du so von Ferne gar nicht erfassen, Du möchtest alles genau sehen. Männer in Frauenkleidung auf den Kutschböcken. Die verschiedensten Nationalitäten endeckts Du und die verrücktesten Gestalten. Und überall aus den Fenstern wird mit Mehl geworfen und mit Konfetti, eimerweise. Noch manchen Dir diese Ladungen, die alle ohne ansehen der Person, feine Damen wie kleinen Strolchen, ins Gesicht geworfen werden, etwas Angst.

Einmal versucht Ihr es zu Fuß, aber dabei geratet Ihr so sehr ins Gedränge, dass Du nichts mehr sehen kannst, auch besteht Gefahr, daß Ihr Euch verliert. Schließlich mietet Ihr Euch eine Kutsche, und nun erlebst Du, was der eigentliche Spaß ist. Es gibt einen Kampf unter den Kutschen, der mit Gipswurfgeschossen, Blumensträußen, Konfetti und Mehl ausgetragen wird. Du weißt bald nicht mehr, wo Du zu erst hinschauen und was Du tun sollst. Du läßt Dich vollkommen in diesen Wirbel fallen, das Geschrei, das Lachen, Ausweichen und Bewerfen.

Ihr entdeckt Wagen mit skurrilen Gestalten, es fahren Maskierte auf Eurem Trittbrett mit, mit denen Ihr debattiert. Du denkst nicht daran, was die anderen denken, nicht, was mache ich für ein Gesicht, was wird von mir erwartet? Du schreist mit Sebastian um die Wette, das Ihr am Abend heiser seid. Jette schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als sie Euch heimkommens sieht. Aber Ihr wollt gleich wieder los. Jetzt fährst Du auch ohne Wilhelm, der immer noch schnell erschöpft ist. Du bist im Rausch, Du kennst Dich selber nicht wieder. Noch nie hast Du alles so hinter Dir gelassen. Du wirst angelacht und lachst zurück. Ein wildes Tempo erfaßt Dich. Da sind Deine schnellen Treppenstufen, das Hinunterpoltern und leichtfüßige Hinauflaufen. Das es regnet, stört Dich nicht. Nur weiter! Leben, jetzt! Alles fällt vom Dir ab, die Todesangst, die Fremdheit und das Gewand der sittsamen preußischen Bankierstochter. Du hörst Dein Lachen und wunderst Dich - so einfach ist das Glück zu finden? Du kannst Dich nicht satt sehen an diesen entzückenden, farbenprächtigen Gestalten, diesen Reichtum an Phantasie und Tollheit. Du entdeckst wieder, was Goethe beschrieb. Es ist, als sei er gerade noch dabei gewesen.

Höhepunkt und Abschluß ist der Moccoletti - Abend. Jeder auf seiner Kutsche versucht, sein Talglicht zu bewahren und das der anderen auszulöschen. Ihr habt Euch gut präpariert, doch die Angriffe kommen von allen Seiten, Ihr kämpft Euch tapfer durch, es ist schwer, die Lichter wieder anzuzünden, sie werden geklaut, mit Wasser überschüttet, ausgeschlagen. Und selber bist Du so angriffslustig wie Du Dich gar nicht kennst, es ist so ein Spaß! Schließlich aber gebt Ihr auf, und da hörst Du die ganz eigenen Töne dieser Karnevalesken: Senza moccolo! rufen die Maskierten aus den anderen Kutschen Euch zu, aber es ist ein Trauern mit Euch, ein Beschimpfen, ein Auslachen. Sie verstehen diesen Ausruf in allen Tonarten zu singen, verwirrt und erschöpft laß Ihr ist geschehen. Da hörst Du die tief in Schlägel der Kirchturmuhr: Zwölf Mal. Im Fest ist aus.

Wie ich diese Schläge Deiner Uhr liebe,Fanny!

Die letzten tanzenden Gestalten huschen zwischen den unerbittlichen, aber auch erlösenden Glockenschlägen davon. Kobolde, Hexen, Gespenster, im milchigen Licht des Mondes, über Treppen, dort hinter einer Straßenecke, noch einmal lacht jemand hell auf. Der Spuk ist vorbei.

Das Sichtreibenlassen genießt Du in in Rom zum ersten Mal und findest darin ein Lebensprinzip, das der Kunst nicht entgegensteht, im Gegenteil, daß ihre Schätze erst hervorbringt.

Leseprobe 2

Fräulein Sibelius veranstaltete mit einigen ihrer Schüler am Samstagnachmittagen ein Quodlibet - Singen. Anka und ich wusste nicht, was das bedeutete, aber als auch wir dazu eingeladen wurden, waren wir stolz. Es fand bei Anne - Lore statt, einer ihrer besten Schülerinnen, die in der Oberstufe ging. Bevor wir uns auf den Weg machten, bemühten wir uns, in der Herrichtung unseres Äußeren den »Heckenweg - Geruch«, wie wir es nannten, loszuwerden. Aber wir besaßen nicht viel, was uns über unsere Herkunft hätte erheben können, geputzte Schuhe, ein Tuch um die Schulter gelegt, eine Brosche, eine Spange im Haar, Anka probierte Mutters Lippenstift, aber vor der Gartentür wischte sie ihn wieder ab.

Anne - Lore wohnte in einem Einfamilienhaus - Viertel, das schon vor dem Krieg gebaut worden war. Behäbige Klinkerhäuser mit großen Garten. Sie öffnete uns die Tür und ich fühlte gleich, wie ich kleiner und unbedeutender wurde. Es waren nicht die Kleider, sie trug auch keinen Lippenstift. Es war die Art, wie sie uns öffnete, uns freundlich einließ und vorausging. Wir trauten uns nicht, uns auf dem Parkettfußboden zu bewegen, wussten nicht, ob man die Schuhe ausziehen musste. Sie führte uns durch das geräumige Wohnzimmer in eine lichtdurchflutete Veranda. - es sind Selma und Anka! rief sie, und darin lag keinerlei Abwertung, es war, als würde auf einem herrschaftlichen Ball der Gräfin die neuen Gäste angekündigen. Nur fühlten wir uns dieses Zaubers nicht würdig.

Tatsächlich wie eine Gräfin thronte Fräulein Sibelius zwischen ihren Schülern, in ihrer dunklen Kleidung, ein schwarzes Netz über den graublonden Haar, rote Lippen in ihrem blassen welken Gesicht. Ich bewunderte hier alles: Die Korbsessel, in die wir uns setzten,den Glastisch,die alten Holztüren mit den feinen Klinken, die Bronzegefäße zwischen den Blumen auf den Fensterbänken. Es gab Tee und Gebäck, und natürlich waren es die köstliche Kekse, die ich jemals gegessen hatte.

Zunächst sollte Klavier gespielt werden. Fräulein Sibelius fragte, wer was vorspielen wollte. Ich vertiefte mich in meine Teetasse. Zum Glück gab es genügend Freiwillige. Alle bewegten sich, als seien sie hier zu Hause. Das Klavier stand im Wohnzimmer, ich sah die Spielenden durch die geöffnete Glastür. Anne - Lore spielte auch. Das Klavier hatte einen vollen, dunklen Klage. Anders als das alte Klavier der Lehrerin, das zitterte wie ihre Stimme, und anders als unseres, das sehr hell klank.

- Das kommt, weil sie so ein großes Wohnzimmer haben, flüsterte Anka mir zu. Ich beobachtete Anne - Lore. Sie hatte eine leichte, freie Art zu spielen. Ich hatte das ersten Mal das Gefühl zu verstehen, was Klavierspiel, was Musik überhaupt ist. Dass es zuallererst Genuß ist, Freude am Leben. In unseren vier Wänden gab es keinen Begriff davon, und auch bei Fräulein Sibelius war es zu verstaubt, und Klavierspiel war hart erarbeitet. Ich sah den kleinen Finger von Anne - Lore, wie er in die Höhe fuhr und wie sie einen langen Triller spielte. Und sie selber saß nicht steif dar, ihr Körper bewegte sich mit dem Spiel, sie beugte sich nach vorn und zur Seite, auch die Beine gingen mit der Musik mit. Ich war so fasziniert von ihr, dass ich das beängstigte Quodlibet ganz vergaß und Anka mich anstieß, weil ich zu oft von den Kekse nahm.

Dann wurde gesungen. Jeder sollte ein Lied vorschlagen, es waren ganz normale Wander- oder Abendlieder, wie jeder sie kennt. In Gruppen aufgeteilt, sangen wir die Lieder gleichzeitig. Fräulein Sibelius dirigierte. Es musste mehrmals geprobt werden, weil wir immer in einem großen Chaos endeten, aber das war nur Grund zur Erheiterung. In dieser vornehmen Atmosphäre gerieten nun alle aus dem Häuschen, es war ein großer Spaß, und auch die Klavierlehrerin bekam dabei ein jüngeres Aussehen und ihre Wangen röteten sich. Am Ende klank es trotz der verschiedenen Lieder wie zusammengehörig. Wir lachten und klatschten. Jedesmal, wenn das Durcheinander miteinander stimmte, gab es etwas in meiner Brust, das platzte wie ein kleines Feuerwerk. Auch Anka hatte gerötete Wangen. Am Ende des Nachmittags waren die Eltern von Anne - Lore da und duzten sich mit Fräulein Sibelius.

Als wir wieder auf die Straße traten, wusste ich, daß ich Musik studieren und Pianistin werden wollte. Ich sah Anka an. Ich würde es auch ohne sie tun.

Leseprobe 3

Spät, als es schon dunkel ist, klopfen die Franzosen an Eure Tür. Normand ist dabei, den Du auch aus Rom kennst. Du hast Dir einen Schleier übergezogen. Gounod und Bousquet nehmen Dich in die Mitte. Du fühlst dein Herz. Seit sie Dich gestern besuchten, hat sich etwas veränderten. Die Luft ist mild und leicht und lastet nicht mehr auf Deinem Gemüt.

Sebastian ist aufgeregt und springt um Euch herum. Jette nimmt ihn bei der Hand, er macht sich los. Direkt unterhalb Eures Domizils ist der Kahn angebunden. Ein Ruderer wartet.

Gounod reicht Dir die Hand. Du spürest den warmen, festen Druck. Nun lüftest Du den Schleier. Du möchtest sehen können. Ihr steht, das Brot schwankt. Dein Lachen klingt Dir ungewohnt, wie aus weiter Ferne. Du denkst an Wilhelm, was würde er sagen, während er Dich so sähe? Bousquet erinnert an die Nächte in Rom, jetzt gehst Du darauf ein. Ja, Rom. Ihr sprecht von Wilhelm, das geht leicht.

- Mama, was sind das für Lichter? Und wie nahe kommen wir an die englische Flotte? Und sieh da das Boot!

- Wir vermissen Sie sehr, sagt Bousquet. Du schaust ihn in die Augen, seine Wärme tut Dir wohl. Gounod würdest Du nie so direkt ansehen mögen. Immer hast Du Angst, er könnte in seinem Überschwang etwas missverstehen. Und wünscht Dir doch, er möge Deine Zuneigung bemerken.

Ihr setzt Euch, der Kahn zieht seine Bahn durch das stille Wasser. Unter Dir breitet es sich schwarz und unheimlich aus. Du hältst die Hand hinein. Neben Dir sitzen Jette und Sebastian, Dir gegenüber die beiden Franzosen. Normand greift mit in die Ruder.

Du fühlst die Blicke auf Deinen Wangen. Unbeschwert möchtest Du sein, aber mit jedem freiem Atemzug steigen Tränen auf. Jette hemmt Dich, und Normand, der Dir nicht sehr vertraut ist. Du schaust auf Neapel. Aus dieser Perspektive erscheint es Dir angenehmer. Der Mond verbirgt sich noch hinter Wolkenschwaden.

Du hattest schon Abschied genommen, hattest Dich wieder in ein engeres Mieder gezwängt, warst schon fast soweit, Anstandbesuchen zu absolvieren, die Dir verhasst sind. Jetzt spürest Du Dein römisches Blut.

- Jette, haben Sie nicht etwas Leckeres für uns ein gepackt? Jette zaubert aus ihrem Korb eine Flasche Rosé und etwas Gebäck.

Sebastian bekommt auch einen kleinen Schluck Ihr trinkt im Stehen, der Kahn hält und schwankt, so ergibt sich ein kleines Durcheinander. Gounod fasst Deinen Ellenbogen. Es ist merkwürdig still. Jetzt schaust Du ihn an.

- Auf Rom! erwidert er, und Du weiß nicht, wie Du es deuten sollst. Als Ihr Euch wieder niederlasst, sitzt er neben Dir. Jette schaut aufs Meer, sie singt leise vor sich hin, hält Sebastian im Arm.

- Womit vertreiben Sie sich die Zeit? fragt Bosquet.

- Da wüsste ich einen besseren Zeitvertreib.

Du ist Dich um, einen Moment lang erkennst Du denalten Gounod, er hat einen Türspalt geöffnet. Da wagst Du etwas: In seinen zögerndes Gesicht hinein, ohne Dich abzuwenden, beginnt Du leiser eines der Lieder zu singen, die Ihr in der Akademie zum Abschied vorgetragen habt. Du schaust ihn gerade an, Deine Musik gibt Dir Freiheit. Du siehst mit Triumph, was Du erreicht ist.

Gounods Augen gewinnen an Farbe, seine Stimme begleitet Dich, Bousquet dazu, Sebastian Glockenklang. Leise und getragen singt Ihr, als wollte Ihr nicht zuviel berühren, und seht Euch dabei immer in die Augen. Und brecht dann ab. Der Kahn ist an der Kaimauer angelandet. Jette seufzt tief und zufrieden auf. Da lacht Ihr und die Befangenheit fehlt von Euch ab. Im Aufstehen spürest Du seine Hand, eher greift nach Deiner, drückt sie.

- Ich habe Sie vermisst, sagt er, ganz nahe, sein Mund berührt fast den Schleier, den Du schon über Dein Haar gezogen hast.

Später denkst Du, das hast Du Dir erträumt. NebenBouquet steht oben, reicht Dir seine Hand, zieht Dich hinauf.

- Dürfen wir Sie wieder besuchen?

- Aber gewiss doch! Unverblümt wirfst Du die Antwort hin, alles liegt darin. Sie fassen Dich unter, jetzt ist Leichtigkeit in Deinem Schritt.

- Wilhelm fehlt mir, und Die vielen mir auch, sagst Du zum Abschied. Schon sind sie fort.

Hast Du zu viel gewagt?