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Astrid Schmeda Leseprobe 1 EIN LEIDENSCHAFTLICHES INTERESSE AM WIRKLICHEN LEBEN Recht bald lernte ich die rothaarige Alica näher kennen, wir begegneten uns nicht zufällig häufiger auf dem Klo und saßen in den Pausen zusammen. " Daß die Frauen sich diese Schikanen gefallen lassen ", tuschelte ich ihr zu," wir müssen Sie davon überzeugen, sich zu organisieren. " - " nicht organisieren, agieren! " zischte sie, warf ihre Zigarette ins Klo und ging an ihren Arbeitsplatz zurück. Während der Arbeit tauschten wir bedeutsame Blicke. Alica verstand es, mir mit Gesten und Mimik die Situation unter den Frauen und deren politische Standpunkte deutlich zu machen. Wir sprachen, wann immer wir konnten, die anderen Frauen darauf an, einen Streik zu machen, aber die meisten waren ängstlich oder abweisend. Alica war radikal in ihrem politischen Wollen, aber sie versuchte nie, mich zu überzeugen. Eines Tages bat ich sie, mitkommen zu dürfen in ihre Gruppe. Ich holte sie vor ihrer Haustür ab, das lag auf dem Weg, und wir beide gingen mit hochgezogenen Schultern durch die feuchte Kühle des Abends, ab und zu klatschten mir letzte Regentropfen von den Dächern auf den Kopf und in den Nacken. Alicas Gruppe traf sich in der engen Wohnstube eines Druckers, außer seiner Frau wohnten noch drei weitere Genossen in seiner Wohnung. Im Laufe des Abends kamen etwa 20 Menschen zusammen, überwiegend Männer, und es wurde ebensoviele Meinungen vertreten. Auch zum Ende der Sitzung gab es keinen gemeinsamen Entschluß. Dieses Vorgehen befremdete mich sehr, ich vertrat stramm die kommunistische Linie. Aber es gab etwas, was ich mir zutiefst merkte, es muß die Art des Umgehens miteinander gewesen sein, auch wenn sie sich heftig stritten und die ungezwungener Offenheit, mit der diese erste Wohngemeinschaft mir entgegenkam, obwohl ich nicht zu ihnen gehört. Eines Tages wurde Alica wieder einmal zur Aufseherin gerufen. Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu. Als sie, mit einer stolzen Kopfbewegung die Haare nach hinten werfend, durch die Reihen der arbeitenden Frauen zum Glashaus schritt, hatte ich den Eindruck, der ganze Saal verfolgte gespannt, was geschah. Alica kam bald zurück, und ihr Gesicht war rot vor Zorn. Ihr sollte schon wieder etwas vom Lohn abgezogen werden, weil sie angeblich eine Pause überzogen hatte. Das war das dritte Mal innerhalb kurzer Zeit. Ich sehe noch genau vor mir, wie Alica ihr Metallstück in die Hand nimmt, an dem sie gerade arbeitet. Sie schaut es scheinbar versonnen an, aber ich sie die Kraft, mit der ihrer Hand es umspannt. Dann ein kurzer, abschätzender Blick zum Glaskabäuschen der Aufseherin, Alica holt aus und wirft. Im nächsten Moment erheben sich die Frauen des ganzen Saales, ergreifen ihre Metallstücke und schleuderte sie gegen das Glashaus. Unter Schreien und Rufen verlassen wir unsere Arbeitsplätze, keine der sonst so zögerlichen Frauen arbeitete weiter. Die Aufseherin sitzt in einem Scherbenhaufen. Ich stehe im Gedränge neben Alica und drückte ihrer Hand, die Forderungen nach freiem Klogang, mehr Pausen, nach Angleichung des Frauenlohnes an den der Männer bei gleicher Arbeit sind sofort auf allen Lippen. Inzwischen haben die Männer aus der Halle nebenan unseren Aufstand bemerkt und tun es uns gleich. Sie kommen zu uns herüber und solidarisieren sich mit uns, gemeinsam ziehen wir vors Fabriktor und erklären den Betrieb für bestreikt. An diesem Abend fahre ich nicht nach Hause. Viele der Frauen und Männer bleiben, um die Fabrik zu bewachen. Wir sitzen in kleinen Gruppen bis tief in die Nacht am Tor, jemand bringt Decken. Wir diskutieren und singen viel. Noch nie haben wir so viel Zeit gehabt, unter uns Frauen zu sprechen. Am anderen Morgen bin ich sehr früh wach, draußen ist alles ruhig, die Dämmerung liegt grau über den Gebäuden, eine Drossel stimmt ihren Morgengesang an. Eine Gestalt huscht vor dem Tor, ein leiser Pfiff: Ich öffne Florences, wir umarmen uns, sie bringt Kaffee. Inzwischen sind die anderen Frauen aufgewacht und umringen sie erfreut. Als die Fabriksirene pfeift, entgegnen wir ihr mit Gejohle. Eine Woche später standen Alica und ich auf der Straße. Der Streik war erfolgreich beendet worden, viele unserer Forderungen wurden erfüllt, aber wir beide wurden nicht wieder eingestellt. Ella öffnete die zur Faust geballte Hand, die sie in die Handfläche der anderen gedrückt hatte, und legte sie flach auf die Knie. Sie wandte sich lächelnd Lyda zu: Da werden Weiber zu Hyänen! - unterstrich ihren Satz mit heftigem Kopfnicken. Sie reckte sich, setzte die Schirmblende auf und blickte über die Terrassen, die in flimmernder Hitze lagen. Martin trat aus der Garage und ließ sich vom Licht überfluten. Sie wird das Telefon dort unten auf der Bank nicht hören, wahrscheinlich hat sie das Zeitungsinterview vergessen... Ich werde Sie daran erinnern müssen, aber ich mag die beiden nicht stören. Die Lyda hat etwas, das Ellas Herz öffnet. Sie gibt mehr als nur ein Interview. Und Leonhard liegt in der prallen Sonne, verrückter Kerl. - Da unten liegt dein Mann im Gras, rief Ella, er soll uns einen Kaffee kochen gehen. Er wird sich noch einen Sonnenstich holen. |
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Leseprobe 2 Ich litt unter Skorbut. Meine Zähne fingen an zu wackeln. Außerdem brauchte ich unbedingt ein anderes Bett. Ich schlug Krach. Als der Wachsoldat die Zellentür öffnete und ich ihm gerade meine Beschwerde an den Kopf schleudern wollte, sagte er: "Sie hier? Ich kenne sie doch. Sie waren an der Front bei Talavera de la Reina. Wissen Sie noch? Da haben Sie uns aufgehalten." Es hatte eine Situation an der Front gegeben, da fuhren Roberto und ich als Journalisten herum und ein Trupp Milizionäre kam uns in wilder Flucht entgegen. Da bin ich raus aus dem Auto und habe sie aufgehalten. Ihnen gezeigt, wo sie in Deckung gehen können. Daran erinnerte der sich. "Und uns erzählt man, in diesem Kloster seien nur Faschisten. Warum sind Sie denn hier?" Nun hatte ich wieder einen Verbündeten. Er besorgte mir ein Feldbett und Knoblauch gegen den Skorbut, aber leider trafen wir uns nur selten, da die Wachsoldaten sehr häufig wechselten. Ich wurde die darauffolgenden Nächte wieder zum Verhör geholt. Ich machte mir Gedanken, wie ich Roberto davon unterrichten könnte. Ich wußte nicht, ob er auch zum Verhör mußte, aber es stand zu befürchten, daß sie ihn mit angeblichen Aussagen von mir erpressen wollten. Ich sang immer viel, einfach um mir meinen Mut zu erhalten und um die anderen, wenn wir auf den Gang waren, aufzuheitern. Da kam mir eine Idee. Ich setzte mich an unser kleines Gitterfenster und sang aus vollem Halse in Schweizer Mundart: "hüt nacht händ's mi wieder zum Verhör gholt, hollandri, hollandro, händ wöle wüse, was mer für Kontakt uf Dütschland gha händ, holladrijaho. Und wänn mer de Trotzki z'Norwege bsuecht händ, hallodri..." Und so weiter. Ich sang nun jeden Morgen nach meinem Verhören am Fenster für Roberto und bekam als Antwort, daß er verstanden hat er, ein kräftiges "Holladrijaho" von unten herauf. Am zweiten Morgen wurde die Wache hellhörig. "Was Singen Sie da? Lassen Sie das Singen sein!" - "Aber nein", rief ich, "das Singen werden Sie mir nicht verbieten! Ich singe so viel, wie ich will." Und ich sang alle Volkslieder, die ich kannte und erzählte auch, wie es mir ging, daß ich jetzt zu zweit in der Zelle mit einem Stalinistin saß und was meine Befürchtungen waren. Ich stritt heftig mit Marita über den Stalinismus und wies ihr nach, daß sie nicht recht hatte. Ich hatte inzwischen von den Anarchisten viel gelernt. Ich fühlte mich als Anarchistin. Ein System, daß auf der Diktatur einer Partei beruht, sagte ich ihr, kann nicht die Unterdrückung der arbeitenden Bevölkerung abschaffen wollen. Ein System, daß diejenigen liquidiert, die ihm nicht nach dem Mund reden, verachtet die Freiheit des Menschen und schafft sie nicht. Sie sagte, das stimmt nicht, und ich sagte ihr, du wirst es noch sehen. Auf diese Weise entstand eine merkwürdige Freundschaft mit ihr in den wenigen Tagen, die wir so eng beisammen hockten. Sie schien etwas an mir zu finden. Und mir tat sie leid. Zum Schluß sagte sie, "Du bist keine Faschisten, ich hole ich raus." - "Dann mußt du alle raus holen", sagte ich. "Die anderen sind es auch nicht". Sie verschwand nach etwa einer Woche, und später erfuhr ich, daß ihr Mann, ein bekannter Kommunist, auch verhaftet worden war. Wir hörten des Nachts immer wieder Geräusche, die uns aufschrecken ließen. Natürlich gab es Gerüchte, das gefoltert würden. Eine Frau zeigte mir ihren zahnlosen Mund. Aber im Ganzen faßten sie uns Frauen weicher an als die Männer. Nachdem ich wieder in der Nacht dumpfe Stöße und Schreie von unten gehört hatte, fragte ich meinen Frontsoldaten. "Ich sag lieber nichts", sagte der. "Ich weiß nichts Genaues. Aber unten auf den Gang, wo auch dein Mann sitzt, da ist einer in Einzelhaft, der darf nie raus. Der sieht nicht gut aus. Er sagt, daß er dich kennt." - "Kannst du nicht einmal arrangieren, daß er Essen bekommt, wenn wir gerade zur Dusche gehen?" fragte ich ihn. Danach sah ich meinen Frontsoldaten nie wieder. Aber wenn ich an den nächsten Morgen zum Duschen ging, paßte ich genau auf, welche Tür immer verschlossen war. Bald hatte ich es heraus. Und einmal auf dem Rückweg sah ich, wie ein Kalfaktor, begleitet von einem Wachsoldaten, die Tür gerade öffnete. Ich stob hinein und sah Antoni. Er stand direkt vor mir, er hatt blau unterlaufene geschwollene Augen. Wir drückten uns rasch die Hände. "Ich hör dich singen", sagte er. Da stieß mich der Soldat zurück, und die Tür fiel zwischen uns zu. Es war das einzige Mal, daß ich ihn sah. Von nun an sang ich nicht nur für Roberto, ich sang auch für Antoni. Leider konnte er mir nicht antworten. Später erzählte Roberto, daß er ihm einmal begegnet war, nachts, als sie ihn zum Verhör brachten. Wir haben nie herausgefunden, weshalb sie ihn verhaftet hatten. Wenige Tage nach unserer Begegnung war er verschwunden. Viele wurden nach Moskau gebracht und nie wieder gesehen. Du weißt das alles längs, Severin. |
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Astrid Schmeda Leseprobe 3 EIN LEIDENSCHAFTLICHES INTERESSE AM WIRKLICHEN LEBEN - Es wird immer behauptet, die Anarchisten
seien auch schonungslos umgegangen mit ihren Feinden, sagte Leonard. Hast du
Erschießungen erlebt? Sie blieb stehen und sah hinauf zum
Sternenhimmel. Unter diesem Himmel lagen wir mit offenen Augen, suchten den
Orion und horchten über den Fluß. Sie riefen sich Botschaften zu aus ihren
Dörfern, von unserer Seite nach drüben und zurück. Eben hat ein Milizionäre
mir zu geflüstert: "Sie machen keine Gefangenen." Alles lag still wie ein Gemälde, kein Wind. Die Grillen hatten ihren Gesang beendet. Die Bäume, Sträucher und Blumen traten beim Näherkommen aus der Dunkelheit hervor und verschwanden wieder als schwarze Schatten. Unter den Füßen war der Kies zu hören oder ein Steinchen, daß die kleine Treppe vorauskullerte. Martin pflückte ein paar Mirabellen vom Baum und verteilte sie. Severin und Lydia hatten auf die drei unter den Obstbäumen gewartet. - Aber was denkst du? wandte Ella sich an Leonard. - Man muß die Macht nehmen, wenn sie offen liegt, und gleichzeitig darf man sich von ihr nicht greifen lassen, antwortete Leonard. - Aber wird es je Menschen geben, die dafür reif sind? fragte Lyda. - Wenn wir es nicht sind, lachte Ella. Schau, Martin. Wir machen jetzt eine nächtliche Vernissage. Habt ihr schon seine Werke gesehen? - Bei Kerzenlicht, schlug Severin vor. Ich hole den Wein. Über das ganze Tal verstreut, begannen die Hähne zu krähen. Ihr schriller Gesang flatterte irritierend durch die warme Nacht und erinnerte alle Wachgebliebenen an dampfende Misthaufen und einen rotglühend aufgehenden Sonnenball zwischen geduckten Scheunen. Aber die Nacht hatte sich gerade erst im Tal ausgebreitet, die meisten Lichter waren erloschen und die Jalousien heruntergezogen. Mitten in dieser Nacht sagen die Hähne schon die Wonnen des frühen Morgens herbei und verscheuchten damit alle düsteren Schatten und bedrohlichen Nachtgespenster. - Schweig still, du dummes Vieh, zischte Martin leise und öffnete die Tür zur Werkstatt neben dem Hühnerstall. Lyda verteilte Kerzen auf dem Fenstersims und auf heruuumstehenden Holzklötzen und zündete sie an. Leonhard trug ein Tablett mit Gläsern hinunter, die klirrten leicht aneinander. Severin schenkte ein. - Diese hier stellen wir nach draußen, Martin, rief Ella. - Du weckst die Hühner, knurrte Martin. - Das habe ich dir schon oft gesagt. Solange du deine Skulpturen im Hühnerstall versteckst, änderst du nichts, und du kannst weiter über Sinnlosigkeit philosophieren. Erst wenn du sie rausstellst, wird sich etwas bewegen. - Auf die Befreiung der Kunst aus dem Hühnerstall! Lyda hob ihr Glas. Die weiße Figur stand gerade unter dem Orion. Die Frau hockte. Wenn man von vorne guckte, sah man: Sie war zum Sprung bereit. Der linken Arm war nach hinten aufgestützt, als säße sie gelassen, der rechte Arm umschlang das aufgestellte Knie. Der Rücken war gebeugt und weich, und jetzt im Spiel von Licht und Schatten begann er, sich atmend zu heben und zu senken. Glitzernd bewegte sich der Marmor, im Nacken lag leicht der helle Pferdeschwanz, den Kopf erhoben. Sie sah mit festem Blick blinzelnd in die Ferne, das Kind vorgeschoben, die Lippen weich verzerrt, unbefangen und stolz, faltig, sehnsüchtig und energisch: das Mädchen, die Frau und die alte Dame. Severin umfaßte die glatte Holzfigur in seiner Hosentasche. Er zog sie hervor, betrachtete die Frau mit dem Strohhut und setze sie zu der Hockenden auf den Marmorblock. Die beiden Frauen, nebeneinandergestellt, erkannten einander. Sie sahen mit den gleichen Blick in die gleiche Ferne. |